03 September 1988

3. Open-air-Festival im Uschenriet (02./03.09.1988)

3. Open-air-Festival im Uschenriet, 2.+3. September 1988

DEAD VEGETABLES
Aus dem Programmheft, Seite 26:
Diese Band ist so jung, dass sie noch nicht einmal einen Namen hatte, als sie sich bei uns anmeldete. "Tönende Schrauben" tauften sie sich; kurz vor Redaktionsschluss wurden die Toten Gemüse daraus, wir konnten die Druckmaschinen gerade noch stoppen und den Namen auf den Plakaten überkleben -. Seit Januar 1988 spielten sie zusammen, Peter Geng (dr), Thomas Kupferschmid (kb), Martin Nesnidal (g), Phil Häfelfinger (b), Ruedi Wettstein (s). Satt und flippig nennen sie ihre Musik, die hauptsächlich vom Jazz her kommt. Martin Nesnidal und Peter Geng waren in Bern, Thomas Kupferschmid in Luzern an der Jazzschule. Ausser Ruedi Wettstein haben alle Band-erfahrung in diversen Formationen. Peter, Martin und Thomas unterrichten auch, letztere seit kurzem in Martins eigener Musikschule in Weesen. Peter Geng auch im Kanton Glarus. Eine ideale Gelegenheit, sich anzuhören, was die Maestros zu bieten haben!Mit "Dead Vegetables" präsentieren wir eine "Glarner" Band, d.h. die Musiker leben alle mehr oder weniger in der Region. Das macht hoffentlich auch andere Schläger, Zupfer und Bläser zu vermehrter Produktion süffiger Rhythmen und Melodien an. Man nehme sich ein Beispiel an "Dead Vegetables", einer Mischung aus Erfahrung und frischem Elan, wie man's hier zu selten hört!
------------------------------------------------------------------------------Glarner Nachrichten Nr. 208, Dienstag, 6. September 1988, Seite 1:


Drittes Open-Air-Festival im Uschenriet (Bild)
Am vergangenen Wochenende fand im Martinsheim im Uschenriet das dritte Open-air-Festival statt, das vom Jugendkulturverein wiederum gut organisiert worden war; unser Bild zeigt die mit dem Saxophonisten Hermi Bühler verstärkte Formation "Tele". Bericht auf Seite 3 (Foto: R. Kuchen).
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Glarner Nachrichten Nr. 208, Dienstag, 6. September 1988, Seite 3:
"Wollt ihr den totalen Hösli?"Zum dritten Open-air-Festival in Ennenda

--- von André Maerz ---

Über das Wochenende fand im Martinsheim im Uschenriet das dritte Open-air-Festival statt, das wiederum vom Jugendkulturverein organisiert worden war. Begeisternde Musik machte das missliche Wetter mehr als wett, und keiner der Zuschauer bereute, dass er den Winterpullover und die wollene Unterwäsche aus dem Schrank hervorgeklaubt hatte.


Die vielen freiwilligen Helfer im Organisationskomitée des Open-air-Festivals hatten wohl geahnt, dass Petrus kein Rockfan ist, und hatten mit einem Zelt sowie mit Kies und Sägemehr rechtzeitig Vorkehrungen getroffen, damit das Festival-Gelände nicht im Sumpf versank. Für die Verpflegung der Besucher war auch bestens gesorgt, und mit Genugtuung darf festgestellt werden, dass sich das Uschenriet wärhend des Festivals nicht in einen riesigen Müll- und Scherbenhaufen verwandelte, sondern sich das Publikum praktisch ausnahmslos um Prdnung bemühte.

Musikalische Gegensätze
Der Freitagabend war von krassen musikalischen Gegensätzen geprägt: "Follow the Flood"-eine Glarner Band-eröffnete das Festival mit sauber arrangierten Rock- und Fusion-Klängen, die die Formation unbedingt weiterempfehlen. Ganz anders ging es bei "Baby Jail" zu und her. Die vier jungen Zürcherinnen und Zürcher sind mit ihrer Spontanität und ihrer erfrischenden Respektlosigkeit ("in welchem Kanton liegt eigentlich Glarus?") geradezu geschaffen für Open-air-Auftritte. Ihre Rotznäsigkeit scherte sich nicht um technische Perfektion. Sie wollten Spass - auch mit dem Publikum - haben, und den hatten sie auch. Vor allem mit den Texten ihrer A-Cappella-Nummern wie "Ich und Du" oder "Sad Movie" sangen und witzelten sie sich in die Herzen der Zuschauer: Eine Live-Band, wie sie im Buche steht.
Für den dritten Akt des Abends musste man sich erneut völlig umstellen. "Salsa al la cubana" mit der Grossformation "Picason" war angesagt. Hier kamen vor allem die Fans von süd- und mittelamerikanischen Rhythmen auf ihre Kosten. Der unablässige seine Lenden kreisen lassende Lead-Sänger - ein allerdings etwas schmalbrüstiger Macho - verstand es trotz der nasskalten Witterung, auf einer musikalischen Reise durch die Welt der amerikanischen Tropen das Feuer der Musiker aufs Publikum überspringen und lange lodern zu lassen.

Aktuelles aus Glarus
Eigentlich wäre am Samstag morgen die Bühne bereits um neun Uhr offen gewesen. Da jedoch die "Gespaltenen Zungen" kurzfristig abgesagt hatten, weil sie in Tel Aviv an einer Hochzeit aufspielen konnten, gehörte der Morgen ganz dem ZMorge-Buffet des Jugendkulturvereins, mit dem sich die Nachwirkungen der Zauberbowle vom Abend zuvor kurieren liessen.
Den musikalischen Samstag eröffnete die jüngst Band des Festivals, "Contrast" aus Glarus. Die Jungs machten ihre Sache sehr gut. Der Gesang und die Synthesizer-Programmierung sind zwar noch nicht sehr ausgefeilt, aber die Arrangements ihrer von der melodiösen Rockmusik der siebziger Jahre beeinflussten Musik lassen angesichts des Alters der Musiker noch einiges erwarten.
Ein weiterer Aufsteller waren die hintersinnigen Clownerien des Glarner Theaterquartetts "Instant Art", die vom Publikum mit viel Applaus bedacht wurden. Das Rezept der Instant-Art-Leute ist einfach: Man nehme etwas Jango Edwards, eine Priese Travestie, einen guten Schuss absurdes Theater und vermenge das ganze mit viel theaterverrückten jungen Glarnern, die um keine Improvisation verlegen sind. (Auf vielseitigen Wunsch traten "Instant Act" am Abend nochmals auf.) Mit Dölf Rickenbach trat ein weiterer Glarner Kleinkünstler auf. Nach einer Pantomime zeigte er seine Jonglierkünste. Da jedoch das Bühnendach seine wirbelnden Spässe einschränkte, fackelte er nicht lange und trieb sein Unwesen mit einem arglosen Zuschauer-ein Gaudi für das nunmehr langsam wieder auf dem Gelände eintreffende Publikum.
Den Abschluss der "Offenen Bühne" machte "Tele". Das Glarner Trio wurde verstärkt durch den Saxophonisten Hermi Bühler. Anders als bei ihrem legendären Debut in der Tönenden Halle Glarus jedoch, kamen sie diesmal nicht so recht auf Touren. Das mag auch daran gelegen haben, dass Hermi Bühlers Spiel viel zu filigran war im sonst so unmittelbaren Rock und Blues der "Tele".

Schlag auf Schlag
Die Thuner Fusion-Formation "Twice a Week" eröffnete den zweiten Teil des Samstags. Die anspruchsvollen Arrangements, die sehr sauber gespielt wurden, wollten aber nicht so recht durchkommen. Thomas Ryth, der Bassist der Gruppe, sagte denn auch nach dem Konzert, dass für die nächste Saison zwei verschiedene Repertoires erarbeitet werden sollen: eines für Konzerte in Sälen, eines für Open-air-Veranstaltungen, wo es direkter und schnörkelloser zugehen müsse. Keine Mühe mit der Situation hatten danach die aus den Glarner Huben stammenden "Dead Vegetables", bei denen unter anderen auch zwei in der Glarner Musikszene bekannte Musiklehrer mitspielten. Sie spielten mit Akribie einen Strauss erlesener Cover-Versionen von Jazz-, Rock- und Fusion-Rennern der vergangenen Jahre und fanden beim Publikum guten Anklang.

Den besten "Live-Act" des ganzen Festivals lieferte zweifellos "Steven's Nude Club". Anderthalb Stunden Punk, New Wave, Rock; längste Pause zwischen den einzelnen Stücken: zehn Sekunden. Den ersten Teil bestritten die hairstylistische Augenweide von einem Leadsänger sowie der Bassist und der Schlagzeuger im Alleingang. Dann griff der Lichtmischer kurzerhand mit seiner Mundharmonika ein, und schliesslich fanden sich auch noch drei Bläser auf der Bühne ein und fetzten mit, dass die Schwarten krachten.
Nachdem der Bandleader im letzten Stück alle seine Kompatrioten mit "...Hösli" vorgestellt hatte, eröffnete der Ruf in die frenetisch applaudierende Menge "Wollt ihr den totalen Hösli?" eine halbstündige ohrensäusige Zugabe, die wohl nicht so schnell in Vergessenheit geraten wird.

Den Schlussstrich unter den Musik-Marathon machten die Formationen "Lazy Poker" und "Jammin' the blues". Die beiden Gruppen, die seit Jahren einen Stammplatz in der Festival-Szene haben, liessen sich nicht lumpen und spielten packenden Rhythm and Blues. Und das Publikum ging mit, sang mit, forderte Zugabe um Zugabe.

Auf ein Neues
Will man ein Fazit ziehen, so darf man feststellen, dass der Jugendkulturverein einmal mehr unter Beweis gestellt hat, dass er eine solche Veranstaltung tadellos organisieren kann. Zuschauermässig ist es vielleicht gar nicht wünschenswert, dass sich das Festival allzu stark vergrössert, allerdings hätte man den Nachwuchs-Bands ein grösseres Publikum gegönnt. Die vor Bequemlichkeit triefende Konsummentalität, nur bekannte Grössen sehen und hören zu wollen, sollte endlich der Einsicht weichen, dass es immer etwas Neues zu entdecken gibt. "Picason", "Lazy Poker" oder "Jammin' the Blues" waren zweifellos sichere Werte für das Festival; wenn man aber einen Sound sofort erkennt, ihn einordnen und tanzen kann, dann heisst das noch lange nicht, dass er gut sein muss. In Sachen Bühnenpräsenz, Originalität und Kontakt zum Publikum jedenfalls übertrafen "Baby Jail" und "Steven's Nude Club" alle anderen Bands um Längen.